Peter Dettweiler und die ersten Ansätze der Hygieneerziehung in den Tuberkulose-Heilstätten der Kaiserzeit – Andreas Jüttemann

Spätestens seit dem Entstehen der ersten Lungenheilstätten in der Mitte des 19. Jahrhunderts existiert in Deutschland eine Kultur der Hygiene-Aufklärung von Patienten. Der Psychologe Andreas Jüttemann zeichnet die Geschichte und Entwicklung von Tuberkulose-Heilstätten nach. Die Tuberkulose (auch „Schwindsucht“), deren Ursache erst 1882 durch Robert Kochs Entdeckung des Tuberkelbazillus offenbart wird, wird bereits in indischen und chinesischen Chroniken vor über dreitausend Jahren beschrieben. Ihre Geschichte in Deutschland ist auch eng mit der Entwicklung der ersten allgemeinen Kranken- und Sozialversicherungen verknüpft. Vor dem ersten Weltkrieg, nach dessen Ende die Heilstätten hauptsächlich in chirurgische Stationen umgewandelt werden, herrscht hier vor allem eine hygienisch-diätetische Therapiemethode (nach Hermann Brehmer) vor, die mit einer strikten Hygieneerziehung des Patienten einhergeht. Der Arzt Peter Dettweiler bezieht zuerst die Psycho-Hygiene in die Behandlung mit ein, bei der die Orientierung am subjektiven Befinden des Patienten im Mittelpunkt steht. Dazu ist eine enge Beziehung zwischen Arzt und Patient notwendig, der Arzt nimmt dabei die Rolle des Hygiene-Lehrers ein. Ziel soll die Aufklärung des Patienten und seine Erziehung zur hygienischen Mündigkeit sein. Daneben entwickelt Dettweiler aber auch pragmatische Lösungen für den Heilstättenalltag, etwa eine Spuckflasche, die jeder Patient nutzen soll und die die Weiter- und Wiederinfektionsgefahr verringert. Der streng durchgeplante Alltag in den Tuberkulose-Heilstätten der Kaiserzeit soll der Disziplinierung der Patienten dienen. Die gewählten (Luftkur-)Orte liegen zunächst in der Regel vor Allem in Bergregionen (Thomas Manns „Der Zauberberg“ macht die Tuberkuloseheilstätte zum Schauplatz eines Stückes Weltliteratur). Die gleichzeitige Isolation der Kranken ist in diesem Fall ein Nebeneffekt. Ab 1933 werden Kranke dann in gefängnisartige „Krankenhaftanstalten“ eingewiesen und kriminalisiert.

Anhand der Geschichte der Tuberkuloseheilstätten und der aufkommenden Hygieneerziehung in ihnen kann einerseits die Entwicklung bis zu heute gebräuchlichen Behandlungsmethoden nachgezeichnet werden. Andererseits lassen sich gesellschaftliche, politische und soziale Bewegungen nachzeichnen, die sich nicht nur auf die Tuberkulose und ihre Behandlung beschränken, für die sie aber eine nützliche Linse zur Betrachtung darstellt. Die weite Verbreitung der Krankheit macht sie zu einem Spiegel der Gesellschaft von der Kaiserzeit bis in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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